Gefangene im Wiener Landesgericht 

Für Menschen in Not beten, vermitteln, organisieren, ihnen auf jede mögliche Weise helfen, ohne auf eigene Vor- oder Nachteile zu achten – das tat Sr. Restituta als Gefangene im Wiener Landesgericht ebenso wie vorher im Mödlinger Krankenhaus. Dort wie da verfügte sie über die besondere Gabe, Menschen in Angst und selbst im Angesicht des Todes innerlich aufzurichten, in ihnen Selbstachtung, physische und psychische Kräfte und nicht zuletzt den Widerstandsgeist zu mobiliseren, inmitten der Hoffnungslosigkeit Hoffnung auszustrahlen.

 

Sr. Restituta in den Augen ihrer Mitgefangenen

Die wahrscheinlich berührendsten Zeugnisse über Sr. Restituta finden sich in den Erinnerungen und Zeugenaussagen ihrer Mitgefangenen, denn in diesen Wochen, Monaten, manchmal Jahren äußerster Anspannung und Bedrängnis für Leib und Seele fiel zumeist alles Oberflächliche und Unwesentliche von den Menschen ab und schärfte sich ihr Blick für das allein Wertvolle und Wesentliche in sich und den Mitmenschen.

Josefine Zimmerl 

Aus einem Brief von Josefine Zimmerl (+), Mutter des hingerichteten Mitglieds der Österreichischen Freiheitsbewegung Dr. Johann Zimmerl:

“Schwester Restituta war eine Frau von großem Format. Ihr ruhiges Gottvertrauen war erhaben, ihre hohe Intelligenz mit soviel echt österreichischem Humor machte jede längere Fühlungnahme mit ihr zu einem wahren Stahlbad. Aber nicht nur Personen mit religiöser Einstellung, auch glaubenslose Außenstehende hat sie ganz einfach in der Kraft ihrer Überzeugung mitgerissen. Die vielen im Hause befindlichen Mitglieder der KP verehrten sie geradezu.”

„Es hatte sich im ‚Landl’ eingebürgert bei den Gefangenen, nach der abendlichen Wachablösung lebhafte Fenstergespräche zu führen. Da konnte man dann jetzt alle Augenblicke hören: ‚Schwester Resti, kommen’s zum Fenster!’ Daraufhin schob sie in ihrer Zelle den Tisch zum Fenster, das ja sehr hoch war, und sprach zu ihnen. (...) Sie hatte eine charismatische Art, in den meist kurz befristeten Situationen das rechte Wort zu finden. Was sie sprach, war präzise und zielsicher ...”

„Sr. Restituta hatte ihre Verhandlung. Was wir ja alle fürchteten: Sie war zum Tode verurteilt worden! Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass das ganze Haus ergriffen war. Aber nicht nur die Häftlinge! Die Angestellten des Hauses, die Aufsichtspersonen hatten zu tun, die Tränen zu trocknen, damit ihnen diese Sympathiekundgebung nicht übel angerechnet würde.“

Josefine Zimmerls Gesuch um krankheitsbedingte frühzeitige Entlassung „wurde sehr rasch erledigt mit der Begründung, dass wegen der Schwere des Verbrechens an Freiheit nicht zu denken sei.“ In den Tagen vor Sr. Restitutas Enthauptung „war es auch, dass sie zu mir sagte: ‚Das weiß ich, das erste, was ich tue, wenn ich in Gnaden bei Gott ankomme, ist, dass ich ihn bitte, dass er die alte Zimmerl in die Freiheit führt’.“ Am 30. März 1943 wurde Sr. Restituta enthauptet.

„Am 1. April 1943 vormittags wurde unsere Zelle plötzlich geöffnet. Der Inspektor trat vor mich hin und sagte: ‚Zimmerl, ich freue mich, dass ich es bin, der Ihnen sagen darf: Sie sind frei!’“

                    

Helene R., Tochter einer Mitgefangenen

Aus Dankbarkeit gegenüber Sr. Restituta hat die Mutter ihrer während der Haft geborenen Tochter Restitutas Taufnamen Helene gegeben:

„Sr. Restituta hat meiner Mutter unendlich viel in ihrer Gefängniszeit geholfen: Sie hätte – so beteuerte meine Mutter immer wieder – das Ganze im Gefängnis überhaupt nicht überlebt, wenn ihr nicht Schwester Restituta immer wieder beigestanden wäre und ihr Trost gespendet hätte.“

„Sie hatten kaum zu essen, weshalb entsprechende Mangelerscheinungen und gesundheitliche Schäden auftraten. (...) Außerdem war meine Mutter schwer herzkrank. Schwester Restituta hat meiner Mutter immer wieder ihre Kartoffel, die sie während der Essenszeiten unter ihrem Gefängniskleid versteckt hielt, gegeben, da meine Mutter unter diesen Mangelerscheinungen besonders gelitten hatte.“ 

Restituta „hat – so erzählte mir meine Mutter immer wieder – die Mitgefangenen aufgerichtet; sie selbst hat eine derartige innere Kraft zum Durchhalten ausgestrahlt, unendlich viel Trost gegeben und blieb immer ausgeglichen und ruhig. (...) Meine Mutter (...) war ihr Leben lang, bis zu ihrem Tod, noch so beeindruckt von dem unerschütterlichen Glauben der Schwester Restituta.“

 

Anna Haider

Anna Haider (geboren am 22. März 1902 in Wien) entstammte einer Wiener Arbeiterfamilie, war Betriebsrätin in einem Textilbetrieb und beteiligte sich aktiv an den Februarkämpfen des Jahres 1934 um den Goethehof in Wien-Kaisermühlen. Im Februar 1941 wurde sie in Linz verhaftet. Von Ende März bis Ende Oktober 1942 kam sie im Wiener Landesgericht immer wieder mit Sr. Restituta zusammen. Anna Haider überlebte. Nach der Befreiung 1945 war sie in mehreren Funktionen der KPÖ tätig und wirkte im Bundesverband österreichischer Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus (KZ-Verband). Sie starb am 22. Juni 1990 in Linz.

Im Landesgericht und über den Tod hinaus verband eine herzliche Freundschaft die Ordensfrau Restituta und die kommunistische Parteifunktionärin Anna Haider, eine durch und durch idealistische, edle Frau, erfüllt von sozialer Leidenschaft für die der Existenznot ausgelieferten Armen, besonders die Frauen.                       

Beide Häftlinge gingen ohne Vorurteile aufeinander zu, jede ausgehend von ihrer konkreten und zum Teil sehr verschiedenen Lebenserfahrung. Beide waren Kämpfernaturen, glaubten an ihre Mission für eine bessere Welt, respektierten einander aber in der jeweiligen Andersartigkeit des Ansatzes. So waren Offenheit, Vertrauen und Bündelung der Kräfte zum gemeinsamen Vorgehen möglich, was zum Nutzen und Segen für mehrere Mitgefangene im Landesgericht wurde.  

Interessanterweise hat gerade die konfessionslose Kommunistin Haider bewusster als viele andere wahrgenommen, dass es der Glaube war, aus dem heraus Restituta Kraft, Trost und Ermutigung ausstrahlte, und dass es der Glaube war, für den sie letztlich auch den Tod auf sich nahm. Anna Haider über Sr. Restituta, die sie freundschaftlich „Restl“ nannte:

Ich habe sie erlebt, ihre Stärke und ihren Mut, ihr Vertrauen und ihren Glauben – ihre Menschlichkeit über alle Grenzen der Weltanschauungen und Parteien hinweg – das verpflichtet mich, der Welt zu sagen, welches Beispiel Schwester Restituta für alle ist!“

„Schwester Restituta war wirklich eine Heilige: Dieses großartige Beispiel ihrer Haltung in einer unmenschlichen Zeit, in einer unmenschlichen Umgebung und unter unmenschlichen Bedingungen! Sie hatte eine Ausstrahlung; was sie gesagt hat, hat man geglaubt; ihre Ehrlichkeit, Offenheit und reine Geradlinigkeit waren ganz einfach einmalig! Ihre Hilfsbereitschaft, ihr Mut und ihre Tröstungen waren unbeschreiblich großartig. Sie war ein wunderbarer Kerl!“ 

„Das Verhältnis Schwester Restitutas zu uns Mithäftlingen war unbeschreiblich gut: Sie war derart hilfsbereit, selbstlos und hat verzichtet, wo sie nur konnte! (...) Sie hat geholfen ohne Rücksicht auf Nationalität oder Weltanschauung, ob jemand katholisch war oder konfessionslos oder kommunistisch war oder sozialdemokratisch oder christlich-sozial, da hat sie weder gefragt, noch hatte es irgendeine Bedeutung für sie. Sie hat allen geholfen, wo sie nur konnte. Sie hat die Menschen sichtlich wirklich gerne gehabt.“

„Zum Beispiel sollte ich einer Frau, die wegen Kindesmord gefangengehalten wurde und erkrankt ist, zu essen geben. Diese Frau war aufgrund ihrer Hauterkrankung vollkommen mit Verband bewegungsunfähig. Ich sollte sie also füttern. Ich brachte es nicht über mich, sie zu füttern, sondern schrie sie an und machte ihr Vorwürfe, dass sie ihr Kind verhungern habe lassen und sie nun auch verhungern sollte. Die Frau hat um Essen gebettelt. Schwester Restituta erfuhr davon, nahm den Essensteller, und ohne auch nur das geringste zu bemerken fütterte sie die Kindesmörderin. Ich aber fuhr Sr. Restituta an: ‚Restl, das kann ich dir nicht verzeihen! Dass du dieser Frau Essen gegeben hast, wo sie schließlich ihr eigenes Kind hat verhungern lassen!’ Schwester Restituta fütterte die Kindesmörderin wortlos weiter.“ 

„Der Einfluss, den Schwester Restituta auf die Mitgefangenen ausgeübt hat, war aufgrund ihrer Ausstrahlung und Menschlichkeit wirklich groß. Sie lebte uns allen vor, was es heißt zu glauben, wenn auch viele von uns aufgrund der Unmenschlichkeit des Lebens und der Mitmenschen nicht mehr glauben konnten.“

„Als ich selbst meine Hauptverhandlung hatte und die Verurteilung zum Tod im Schwurgerichtssaal des Landesgerichtes Wien beantragt war, hat Schwester Restituta an die Tür ihrer Gefängniszelle mit den Händen gepumpert und gerufen: ‚Sturmbeten! Sturmbeten für Susl!“ (So wurde Anna von Restituta im Gefängnis gerufen) (...) Ich wurde zu fünfzehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt.“

„Unmittelbar in der Nacht nach ihrer Hauptverhandlung und dem Todesurteil brachte mich eine Mitgefangene zur Schwester Restituta in ihre Totenzelle, wohin sie unmittelbar nach dem Todesurteil gebracht worden war, wie es damals für die Todeskandidaten üblich war. Schwester Restituta saß dort, betete den Rosenkranz, und ich kniete mich vor ihr hin und sagte: ‚Mein Gott, Restl, du musst nun dran glauben“. – Ihr sind die dicken Tränen runtergelaufen über die Wangen. Schwester Restituta sagte: ‚Susl’ (Annas Rufname im Gefängnis), ‚glaub nicht, dass ich weine, weil ich sterben muss! Ich wein’ vor Freude, dass du leben kannst. Ich sag’ dir’s, der Spuk bleibt nicht, der vergeht! Wenn der Krieg aus ist, musst du weiterkämpfen, dass so etwas niemals wiederkommt, wenn wir schon sterben müssen!’ (...) Bleib so, wie du bist, und kämpf weiter, wenn der Krieg zu Ende ist!’ Schließlich hat sie mir noch gesagt: ‚Für Christus habe ich gelebt, für Christus will ich sterben, werde ich sterben!’ Ich habe mir ihre letzten Worte, jede Silbe ihrer letzten Worte, tief im Herzen eingeprägt! Wir haben uns in die Arme genommen und verabschiedet; wir haben beide geweint! Dies war meine letzte Berührung mit Schwester Restituta.“  

„Eine Seligsprechung hätte nicht nur für die katholische Kirche, der ich nicht angehöre, sondern vor allem für alle Menschen von heute eine ungeheuer wichtige Bedeutung: Sie hat für eine Glaubensüberzeugung gelebt und ist dafür gestorben, ohne Abstriche zu machen! Sie hat mir doch selbst in ihren letzten Worten mitgegeben: ‚Für Christus habe ich gelebt, für Christus will ich sterben, werde ich sterben!’ Das sagt alles für Menschen.“

Auszüge aus Anna Haiders Rundfunkrede vom 1. August 1946

 

Briefe aus der Haft im Wiener Landesgericht

Durchschnittlich einmal im Monat durfte Sr. Restituta einen Brief schreiben. Öfters riss die dabei den Doppelbogen des offiziellen Gefängnisbriefpapiers in zwei, manchmal auch mehrere Teile, um so mehrere Adressaten zu erreichen. Es ist ein besonderer Glücksfall, dass fast alle diese Briefe erhalten geblieben sind. Jeder Brief wurde zensuriert, teilweise lief die Zensur sogar von Wien über Berlin (!), und dann brauchte er etwa vier Wochen bis zur Zustellung wieder in Wien oder Mödling bei Wien. Daher musste Sr. Restituta in der Wahl ihrer Themen und Worte äußerst vorsichtig sein und durfte natürlich nicht wie früher „das Herz auf der Zunge tragen“. Vieles kann nur zwischen den Zeilen herausgefiltert werden.  

Dennoch legen die Briefe Zeugnis ab von der unerschütterlichen Glaubenskraft, in der Restituta auf ihren einzigen „Führer“, Jesus Christus, und den guten Weg der Vorsehung Gottes vertraute – auch wenn dieser Weg sie in der Nachfolge Christi hinauf zum Kreuz, zum Schafott führte. 

"Bitte recht um Ihr Gedenken beim Tabernakel; dort sind wir ja alle vereint, und keine Kluft kann uns trennen ...“

(Brief aus der Haft, 19.04.1942, an die Generaloberin)

“Mag man auch noch so entfernt von allem sein, mag man einem alles nehmen, den Glauben, den man im Herzen trägt, den vermag einem niemand zu nehmen. So schlägt man sich in seinem Herzen einen Altar auf ...”

(Brief aus der Haft, 24.05.1942) 

„Ich selbst bin so ruhig und ergeben, weiß ich ja ganz bestimmt, dass mein Herrgott über mich wacht und dass der liebe Gott mir nicht mehr auferlegt, als ich tragen kann.“

(Brief aus der Haft, 27.06.1942)

„Meine Exerzitien dauern heuer ziemlich lange schon, doch habe ich so manches daraus gelernt. Das Kreuz ist wohl der beste Lehrmeister. Ich kann dem lieben Gott nur immer danken für die vielen unverdienten Gnaden, die Er mir zuteil werden lässt; wohl weiß ich, dass Ihr großen Anteil daran habt durch Euer fürbittendes Gebet für mich ...“

       (Brief aus der Haft, 29.08.1942) 

„Morgen feiert Ihr unser liebes Franziskusfest, wohl ist da die Sehnsucht nach daheim groß, doch was macht es aus, auch hinter Gittern kann man mir die Freude dieses schönen und lieben Festes nicht nehmen, denn der gute Vater Franziskus sorgt überall für seine Kinder und auch für mich.“

(Brief aus der Haft, 03.10.1942) 

„Allen habe ich von Herzen verziehen, die zu meiner Verurteilung beigetragen haben, auch Dr. St. (hier steht der Name des Denunzianten); möge mir der liebe Gott dafür Seelen schenken. Bitte tragt niemandem etwas nach, sondern verzeiht allen von Herzen, wie auch ich es tue.“

(Erster Brief nach dem Todesurteil, 01.11.1942)

„Es ist ja wahr ..., dass man mit Gottes Gnade über alle Berge geht; der Heiland und die Mutter verlassen uns nie, dies habe ich zur Genüge erfahren, darum auch mein felsenfestes Vertrauen, ob so oder so ...“

(Brief aus der Haft, 31.01.1943) 

„Ich warte jeden Tag, ob mein Kreuzweg bald die Höhe Kalvarias erreicht oder ob der liebe Gott es anders beschlossen hat. Doch ob so oder so, sein heiliger Wille geschehe. In diesem seinem heiligen Willen liegt mein ganzer Trost, und täglich sage ich aufs neue „ja, Vater“, und es geht alles gut.“

(Brief aus der Haft, 28.02.1943) 

Nun, wie lange ich noch in diesen Mauern bleiben muss? Wohl um keine Sekunde länger, als es mein himmlischer Vater bestimmt, und dies genügt. Den Berg hinan gehe ich gern, denn von dort ist es nicht mehr weit in die ewige Heimat.“

(Letzter Brief aus der Haft, 28.03.1943, zwei Tage vor der Enthauptung)

 

Endstation Gerät „F“?

Gerät F“ stand auf dem Lieferschein und ist die höhnisch verschleiernde Bezeichnung für „Fallbeil“. Gefangene in Berlin mussten die Geräteteile fertigen, die dann an ihrem Bestimmungsort zur funktionstüchtigen Tötungsmaschine zusammengesetzt wurden.

Nach offizieller Lesart ist das Schafott des Wiener Landesgerichts zu Kriegsende samt dem letzten Scharfrichter spurlos verschwunden. Möglicherweise habe es dieser bei seiner Flucht in der Donau versenkt. Im Wiener Kriminalmuseum ist jedoch ein originales Nazi-Schafott zu sehen, das damals in der Nähe von Prag bei dem aus Richtung Österreich heraufgezogenen flüchtenden deutschen Tross sichergestellt worden ist. Laut Direktor des Wiener Kriminalmuseums gebe es zwar keine hundertprozentigen Beweise für die Herkunft dieses Fallbeils, aber mit großer Wahrscheinlich handle es sich dabei um das Schafott des Wiener Landesgerichts.

Dann wäre es das Mordgerät, das auch dem irdischen Leben unserer Sr. Restituta am 30. März 1943 ein gewaltsames Ende bereitete. Doch für die Christin Restituta war das „Gerät F“ keinesfalls die Endstation, sondern bestenfalls die „Umsteigestation“ in das ewige Leben.