Kampf um Integration und Identität ohne Verlust der Wurzeln

Offensichtlich mutete es Gott seiner Helene Kafka fast von Geburt an zu, zur Kämpferin zu werden.

Die Familie Kafka waren typische Wiener Tschechen. Nach bisherigen Nachforschungen war Tschechisch auch Helenes Muttersprache. Als Kleinkind im Alter von höchstens zwei Jahren musste sie sich mit ihrer Familie plötzlich in der neuen Welt der Haupt- und Residenzstadt Wien zurechtfinden, in der sich noch im Klassenkatalog der  Bürgerschule anfangs bei ihrem Namen der mit Rufzeichen versehene Vermerk fand: „fremd!“

Während jedoch das Kind Helene bereits als Wienerin aufwuchs und die Brigittenau, der 20. Wiener Gemeindebezirk, ihre Heimat wurde, blieb für ihren Vater Anton Wien immer Fremde. Nach dem Zerbrechen des Vielvölkerstaats optierte Anton Kafka für die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, seine Tochter Helene dagegen blieb schon damals überzeugte Österreicherin, ohne deswegen ihre Wurzeln zu verleugnen.

  

Kampf gegen das Wohnungselend

Die soziale Integration wurde den - von der Gruppe der deutschtümelnden Wiener ohnedies geringgeschätzten - oft kinderreichen und meist armen tschechischen Zuwanderern im Arbeiterbezirk Brigittenau nicht leicht gemacht:  

Ungesunde Substandardwohnungen mit drückendem Raummangel mussten oft sehr bzw. zu teuer gemietet werden, und wenn es dem Hausherrn so gefiel, konnte er ungeliebte Mieter auch ohne langes Wenn und Aber vor die Tür setzen.

Die Familie Kafka bewohnte bis zu Helenes Ordenseintritt 1914 innerhalb von etwa achtzehn Jahren mindestens acht verschiedene Wohnungen im selben „Grätzl“ am Donaukanal zwischen Klosterneuburgerstraße, Spaungasse, Treustraße, Romanogasse, Gerhardusgasse und zuletzt Denisgasse 24. Dort ehrte die Bezirksvorstehung Brigittenau die Bezirksbürgerin Helene Kafka – Sr. Maria Restituta mit einer Gedenktafel an der Hauswand.

 

Kampf um die eigene Persönlichkeitsentwicklung

Die junge Helene Kafka hatte einen nicht alltäglichen Weg der Persönlichkeitsentwicklung zurückzulegen: Sie, die später als durchsetzungskräftige und schlagfertige „Sr. Resoluta“ bekannt war, litt als Kind unter dem Stottern. „Besonders wenn man sie barsch anschrie, brachte sie kein Wort heraus“, erinnerte sich ihre leibliche Schwester Valerie. Ein in einer Sonderschule abgehaltener sogenannter „Stotterkurs“ brachte ihr nach damaliger Methode drei Monate striktes Redeverbot ein – und die dauerhafte Heilung. Aus dem Zitat geht die hohe Sensibilität Helene Kafkas hervor, die, obwohl oder gerade weil sie von Natur aus impulsiv, offen und nach außen gekehrt war, gegen Lieblosigkeit und Aggression von außen mitunter sehr verletzlich reagierte.

 

Kampf um Bildungs- und Berufschancen

Den einfachen und armen Leuten, noch dazu, wenn sie Immigranten waren, blieb der Zugang zu höherer Bildung und in der Folge zu beruflichem Aufstieg meist verwehrt.

Helene Kafka konnte in der Brigittenau die fünfklassige Volksschule (Treustraße) und die dreijährige Bürgerschule („Schutzengelschule“ in der Jägerstraße) besuchen, danach im 1. Bezirk eine einjährige Haushaltungsschule.

Möglicherweise war es das sture, mehr auf mechanischem Auswendiglernen als auf durchdachtem Verstehen beharrende Schulsystem, das der künftigen katholischen Seligen in der Bürgerschule sogar einmal einen Vierer in katholischer Religion bescherte!

Helene landete in einem „klassischen“ Beruf der Wiener Tschechinnen: Dienstmädchen, Köchin, „Wärterin“ – im Dienst an denen, die nicht ihre Zielgruppe waren: die Reichen der verwöhnten Oberschicht, die sich Gesundheit und Bequemlichkeit leisten konnten.

Zwei Jahre Arbeit als Trafikantin in der Schiffamtsgasse im 2. Bezirk waren im Jahr 1913 ihr „Sprungbrett“ in das neue Städtische Krankenhaus Lainz und von dort 1914 in unseren Orden. In Lainz haben unsere Schwestern, die dort die Pflege übernommen hatten, weltliche Hilfskräfte gesucht als Hilfsschwestern und „Mädchen für alles“, d.h. meist für jene Reinigungsarbeiten, die auch heute meist von AusländerInnen geleistet werden, und zwar bezeichnenderweise fast ausnahmslos von Frauen. In diesem Punkt hat sich in den vergangenen 100 Jahren für arme ausländische Zuwandererinnen die Situation de facto nicht gar so viel verändert ...

 

Kampf um eigenständige Berufsausübung

Den ersten beruflichen Kampf hatte die 25jährige Sr. Restituta gleich nach ihrer Ankunft im Mödlinger Krankenhaus mit ihrem ebenso tüchtigen wie als launenhaft und grob verschrieenen ersten chirurgischen Primar auszufechten. Vor ihr waren eine ganze Reihe von Mitschwestern mit ihm nicht „fertig geworden“ und hatten die Generaloberin um Versetzung ersucht; doch von Restituta bezeugt eine Mitschwester wörtlich: „Sie ist mit ihm fertig geworden!“ Mehr noch, es entwickelte sich ein gutes menschliches Verhältnis, und schließlich pflegte Restituta den Primar noch in seiner Todeskrankheit.

Als chirurgischer Primar und später auch Ärztlicher Leiter des Mödlinger Krankenhauses folgte der großartige Operateur Dr. Friedrich Stöhr. Es gab MitarbeiterInnen des Mödlinger Krankenhauses, besonders unter der Ärzteschaft, die Sr. Restitutas Stellung - „rechte Hand des Chefs“ - als Zumutung und Bevormundung empfanden. Er hatte seiner Ersten Operationsschwester weitreichende Befugnisse übertragen ( z.B. die Einteilung der Turnusärzte), weil er ihrer fachlichen Souveränität, großen Erfahrung und absoluten Verlässlichkeit voll vertauen konnte.

Dass eine untergeordnete Person, die „nur“ Krankenschwester war, plötzlich als „Allgewaltige“ des Operationssaals (so ein Augenzeuge, damals angehender Mediziner) so viel Handlungsspielraum für die Umsetzung moderner, eigenständiger professioneller Konzepte hatte und dabei auch noch von Ärzten Pflichten einfordern durfte, bescherte manchem Patriarchen und seinem Anhang eine Krise.

 

Kampf um gleiche Würde und Rechte aller Menschen

Restituta galt bei Außenstehenden als geeignetste Verbindungspersönlichkeit zwischen Kloster und „weltlichen“ Vorgesetzten im Spital oder bei Behörden. Im Krankenhausbetrieb wie im Konvent war sie so etwas wie eine „Patientenanwältin“, „Ombudsfrau“ und zugleich „Betriebsrätin“, die sich für die Rechte derer einsetzte, die sich selbst nicht helfen konnten bzw. direkten Widerspruch aus Furcht vor Repressalien oder gar Verlust des Arbeitsplatzes nicht wagten.

Als 1938 auch im Mödlinger Krankenhaus der menschenverachtende Nationalsozialismus mit seinen willigen Vollstreckern Einzug hielt, blieb Restituta genauso konsequent wie bisher in ihrem Kampf um die gleiche Würde aller Menschen – auch wenn dieser Kampf nun immer riskanter wurde.

Das war Restitutas Kriterium christlicher Liebe: Der Mensch zuerst! Nicht Inländer oder Ausländer, nicht „arischer Weltenretter“ oder „jüdischer Weltverschwörer“, nicht „Herrenmensch“ oder „Untermensch“ bzw. „lebensunwertes Leben“, nicht Leistungserbringer oder „Sozialschmarotzer“, nützliches Glied der Gesellschaft oder „Volksschädling“, nicht  Unauffälliger oder „Asozialer“, nicht Mutterkreuzträgerin oder Kindesmörderin, sondern jeder Mensch, von Gott nach seinem Bild geschaffen, der Hilfe hier und jetzt am notwendigsten brauchte, ohne Ansehen der Person und ihrer religiösen oder politischen Weltanschauung.

Dass gerade die katholische Ordensfrau Restituta so viel „subversiven“ Einfluss ausübte, war den Nazis im Mödlinger Krankenhaus schon längst ein Dorn im Auge. Das gefährlichste dieser „schwarzen Luder“ musste weg!  

 

Kampf „Glaube gegen NS-Gewalt“ 

Die Konflikte lassen sich treffend zusammenfassen im Untertitel des Restituta-Musicals: es ging um den Kampf „Glaube gegen NS-Gewalt“, „Kreuz gegen Hakenkreuz“.

Der Absolutheitsanspruch des christlichen Glaubens an den menschenfreundlichen Gott, die alle Grenzen sprengende, befreiende Liebe und das weltumfassende Heil, prallte gegen den Absolutheitsanspruch des pseudoreligiösen NS-„Glaubens“ an den menschenverachtenden Abgott Hitler, der den ebenfalls alle Grenzen sprengenden, Millionen versklavenden Hass und das weltumfassende Unheil verkörperte. 

Symbolhaft festmachen lässt sich dieser Konflikt daran, dass Sr. Restituta anlässlich der Eröffnung der neuen Chirurgischen Abteilung im Mödlinger Krankenhaus Kruzifixe in allen Räumen aufhängte und sich der Anordnung zu deren Entfernung vehement widersetzte.

Die Nationalsozialisten wussten sehr wohl, dass „Vollblutchristen“ wie Restituta für sie besonders gefährlich waren: In jahrhundertlanger urchristlicher Tradition ließen sie sich vom Verfolger nicht einschüchtern, hielten unbeirrt an der Verkündigung des Glaubens durch Wort und Tat fest und waren bereit, für Christus und seine Kirche auch bis in den Tod wortwörtlich „Vollblutzeugen“ zu sein. Der christliche Widerstand „entmythologisierte“ die pseudoreligiösen Wahnideen der NS-Chefideologen.

  

Kampf um ein freies, demokratisches Österreich

„So, wie sie für die Religion eintrat, so auch für Österreich. Sie war begeisterte Österreicherin“, bezeugt Sr. Restitutas Beichtpriester, der berühmte Völkerkundler P. Schebesta aus dem Orden der Steyler Missionare (SVD).

Heute wird auch von Historikern darauf hingewiesen, dass man den Persönlichkeiten aus dem katholisch-kirchlichen Widerstand nicht gerecht würde, wenn man bei ihnen christliche und patriotische Motivation krampfhaft voneinander trennen wollte.

Als die Nationalsozialisten gegen die Religion und Österreich zu Felde zogen, schloss sie sich mit den ihr eigenen Mitteln dem Kampf um ein freies, demokratisches Österreich an, das die für sie lebenswichtigen Werte am besten garantierte.

Gemeinsam mit Anna Haider, ihrer besten Freundin in der Haft, einer aktiven Parteifunktionärin der Kommunisten, entwickelte sie noch im Wiener Landesgericht Visionen von einem sozial gerechteren Leben für alle, besonders die Frauen, beim Wiederaufbau eines freien, demokratischen Österreich. Anna Haider berichtet davon gleich im Jahr 1946 in einer ergreifenden Rundfunkrede, die auch im Druck erschienen ist.

So ermutigt die selige Restituta auch die Christen heute nicht nur zu innerkirchlichem, sondern auch zu gesellschaftlichem Engagement.

  

Kampf um Verständnis für die eigene Gewissensentscheidung

Leider musste Restituta auch darum kämpfen, mit ihrem Handeln wenn schon nicht Verständnis und Anerkennung, so wenigstens Akzeptanz zu finden. In ihren Briefen aus der Haft zeigt sie sich bedrückt darüber, den Orden in Schwierigkeiten, ja womöglich in existenzielle Gefahr gebracht zu haben, was darauf schließen lässt, dass sie diesbezüglich Vorwürfe zu hören bekam.

Zwischen den Zeilen klingt leise durch, was auch eine Mitgefangene aus eigenem Erleben bestätigte: Restituta litt darunter, dass gewisse Schwestern den Kontakt mit ihr mieden, sei es aus strategischer Vorsicht, aus Angst oder als Ausdruck ihrer Ablehnung. Restituta war – wie viele Vertreter des katholischen Widerstands – letztlich eine Einzelkämpferin, der keine größere Gruppe aus den eigenen Reihen im Hintergrund den Rücken und die Seele stärkte. 

Das war auch der Grund, warum die erste ihr gewidmete kleine Publikation gleich nach Kriegsende von überlebenden politischen Mitgefangenen auf eigene Kosten herausgegeben wurde: Instinktiv spürten sie, dass Restituta nicht vergessen werden durfte, da ihre Stunde erst Jahre später kommen sollte ...

  

Kampf um die richtige Wertung des Widerstands aus dem Glauben: Dummheit oder Tugend?

Noch bis nach ihrem Tod hatte sie dagegen zu kämpfen, als unvorsichtige, ja dumme und ungehorsame Abweichlerin vom verordneten Wohlverhalten gebrandmarkt oder zumindest demonstrativ ignoriert zu werden. Der unmissverständliche Vorwurf „Hätt’s die Gosch’n g’hoidn!“ (für Nicht-Wiener: „Hätte sie den Mund gehalten!“) war bis in kirchliche Kreise zu vernehmen. Dadurch, dass sie sich so exponierte, habe sie die NS-Diktatur eben zu Repressalien gereizt; im kirchlichen Gehorsam hätte sie ihren Eigenwillen den „Vernunftargumenten“ der Oberen unterordnen müssen.

Wenn auch die eigene Ordensobrigkeit mit dem Problem: Stillhalten oder Widerstand? recht ratlos und ängstlich umging, Kardinal Innitzer selbst soll anlässlich des Wirbels, der um das von den Nazis verbotene Aufhängen von Kruzifixen durch Sr. Restituta entstanden war, Partei für Restitutas Gewissensfreiheit ergriffen haben mit der Antwort: „Das ist Glaubenssache!“ - d.h. letztlich eine Sache, in der man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.  

Das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus und seine verbrecherischen „Gesetze“ waren nicht dazu legitimiert, von den BürgerInnen Loyalität, Gehorsam und Aufrechterhaltung der staatlichen Autorität einzufordern. Daher waren Auflehnung und Widerstand gegen dieses skrupellose und mörderische Unrechtsregime auch Christenpflicht und eine - leider nicht bei allen gleich stark ausgeprägte - Tugend.  

In den Akten des NS-Volksgerichtshofprozesses gegen Sr. Restituta steht es schwarz auf weiß geschrieben: Es ging um „Kirchenpolitik in den neuen Gebieten“, die Kirche und der sie tragende Glaube sollten brutal verfolgt und ausgerottet werden, und Sr. Restituta starb als unbeugsames, den christlichen Glauben mit seinem Blut bezeugendes Glied der Kirche.  

Hätten etwa auch schon der Erzmärtyrer Stephanus und die vielen von der Kirche aller Zeiten hochverehrten frühchristlichen Märtyrer „den Mund halten“ sollen, statt sich in vollem Bewusstsein der Gefahren öffentlich zu Christus zu bekennen?

Hätte der Völkerapostel Paulus, statt sich mit den lokalen weltlichen und geistlichen Amtsträgern „anzulegen“, auspeitschen und schließlich enthaupten zu lassen, lieber „den Mund halten“ und die Christianisierung Europas eben bleiben lassen sollen?  

Hätte Christus selbst etwa gegenüber den Pharisäern, Schriftgelehrten, Geldwechslern etc. lieber „den Mund halten“ sollen als das Evangelium zu verkünden und zur Umkehr aufzurufen - und hätte er uns in „kluger“ Zurückhaltung lieber nicht durch den Kreuzestod erlösen sollen?

Erst ziemlich spät, mit dem Bekanntwerden von Restitutas Briefen aus der Haft, wurde so manchen Kritikern, die ihre mutige Haltung auch ein wenig als lästigen Vorwurf gegen die eigene Überanpassung empfanden, bewusst, dass an ihrer Seite eine Heilige herangewachsen war – herangewachsen,  denn auch ihre Heiligkeit fiel ihr nicht  in den Schoß, brauchte Zeit zum Reifen und wollte nicht zuletzt im Gefängnis von ihr „erkämpft“ werden!