Schwester der Kranken

Die selige Maria Restituta war von Beruf und aus Berufung Krankenschwester. Am Mödlinger Krankenhaus stieg sie sehr bald zur leitenden Operationsschwester auf und verabreichte auch Narkosen.

Der deutschsprachige Begriff „Krankenschwester“ erinnert an die menschliche Verwurzelung dieses Berufs in der Sphäre des geschwisterlichen Umgangs miteinander:

Krankenschwester

o     als Schwester der Kranken, als Vertrauensperson, vor der ich mich auch im Leiden nicht verstellen muss, sondern so sein darf, wie ich bin;

o     die - intensiver als viele andere - mein Leben teilt, für ein paar Tage, ein paar Monate oder sogar über Jahre;

o      der es nicht um meine Pension, sondern um meine Person geht.

Im weiteren Sinn soll freilich diese weit gefasste geschwisterliche Beziehungshaltung immer auch MitarbeiterInnen und Besucher eines Krankenhauses miteinbeziehen, wie es der franziskanischen Geisteshaltung und dem Leitbild des Hartmannspitals entspricht. 

 

Schwester der Schwachen

Auch romanische Sprachen wie das Italienische (infermiere/a) oder Spanische (enfermero/a, beides von lat. infirmus = schwach, kraftlos, auch: mutlos) betonen die soziale Kompetenz der Zuwendung zu denen, die in irgendeiner Weise „schwach“ sind, nicht in der Fülle ihrer Kraft stehen.

Gerade Sr. Restituta hat sich in verschiedensten Lebenslagen als Helferin und Verteidigerin aller Gruppen von (körperlich, seelisch, sozial, religiös, ...) Schwachen stark gemacht.

 

Schwester der Gesunden

Heute hat sich für DiplompflegerInnen die Bezeichnung „Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester“ (DGKS) bzw. „Krankenpfleger“ (DGKP) durchgesetzt. Die Erhaltung und Förderung von Gesundheit sowie die aktive Vorbeugung vor Krankheiten haben größeres Gewicht erhalten. Es zeigt sich der positive, der Lebensauffassung Restitutas entsprechende Perspektivenwechsel, den Menschen, auch den Spitalspatienten, primär vom Blickwinkel der Gesundheit und nicht der Krankheit aus zu sehen. Auch die Seelsorge spricht verstärkt nicht mehr von „Kranken-“ bzw. „Krankenhauspastoral“, sondern umfassend von „Gesundheitspastoral“.

 

Kompetente und selbständige Partnerin der Ärzte

Restituta hat schon Anfang dieses Jahrhunderts, zuerst in Lainz, später v.a. im Krankenhaus Mödling, das moderne Berufsbild der professionellen Krankenpflege vorweggenommen. Aus der jungen Stotterin, die nur schwer ein Wort hervorbrachte, war eine selbstsichere Frau geworden, die sich nun das Wort nicht mehr verbieten ließ. Zwar führte sie alle korrekten dienstlichen Anweisungen der Ärzte gewissenhaft aus, doch keineswegs als „Dienstmädchen“ der „Herren“ Ärzte (Damen waren ohnedies noch in der Minderheit), sondern als Partnerin, die ihre berufliche Kompetenz innerhalb der spezifischen Pflegetätigkeiten auch selbständig und eigenverantwortlich ausübte.

Restituta galt selbst bei ihren Kritikern als fachlich und organisatorisch absolut souverän. Bald war sie leitende Operations­schwester, Narkotiseurin und rechte Hand des chirurgischen Primars und Ärztlichen Direktors. Mütterlich und zugleich höchst energisch setzte sich „Sr. Resoluta“, wie ihr allseits bekannter Spitzname lautete, für das Wohl der ihr anvertrauten Menschen ein.

 

Pionierin der ganzheitlichen Pflege

PatientInnen waren bei Restituta nicht „die Galle von Zimmer 14“ oder „die Bandscheibe von C 2“, sondern ohne Ansehen der Person und ihrer Herkunft individuelle Menschen mit gleicher Würde und doch einzigartig in ihrem Wesen, ihren Fähigkeiten, Schwächen, Vorlieben, Ängsten, Bedürfnissen und Wünschen – und Menschen mit dem Recht, als leib-seelische Ganzheit im Spital genauso mündig ernst genommen und geachtet zu werden wie außerhalb des Krankenhauses.  

Mit dem Wort „Krankenpflege“ ist ja nicht nur die Körperpflege gemeint, die Versorgung des Leibs mit dem, was seine äußeren Bedürfnisse abdeckt. Wir Menschen pflegen auch Kontakte, Freundschaften etc., also das, was unseren inneren Bedürfnissen entspricht, unserer Seele gut tut, Zuwendung zueinander ausdrückt, sich heilsam auf unser Gesamtbefinden auswirkt.

 

Leib-Seel-Sorgerin

Ein Jesuit empfahl einmal die Meditation nicht über den Gedanken: „Der Leib, den ich habe“, sondern: „der Leib, der ich bin.“ Im Fall von Krankheit erinnert diese Meditation ein wenig drastisch daran, dass Leib- und Seelsorge zusammengehören. Wenn der „der Leib, der ich (auch) bin“, von Schmerzen zermürbt oder durch einen Unfall verunstaltet wird, durch den natürlichen Alterungsprozess oder durch ein unheilbares Leiden unaufhaltsam verfällt, werde ich dann zur Bewältigung dieser Situation nicht wie von selbst auf meine Seele zurückgeworfen, die ich auch bin?

Und umgekehrt ist es unserer modernen Zeit bereits geläufig, dass sich Leiden der Seele früher oder später “inkarnieren“, „Leib annehmen“ in psychosomatischen Beschwerden, die nur gemeinsam mit ihrer Ursache gelindert oder geheilt werden können.  

Sr. Restituta hatte das ganzheitliche Prinzip des leib-seelischen Ganzen des Menschen instinktiv begriffen und danach gehandelt, lange bevor es theoretisch- wissenschaftlich thematisiert wurde.

 

Den Menschen nachgehen

Obwohl als Operationsschwester dazu nicht verpflichtet, durchwachte sie so manche Nacht bei Patienten, die sich in einem kritischen Zustand befanden, um ihnen beizustehen – professionell in Leib- und Seelsorge. Seelsorge war für sie als Christin im Krankenhaus eben auch eines der unverzichtbaren Heilmittel, in diesem Zusammenhang auch die Krankenkommunion und Krankensalbung, wobei oft sie selbst den Priester begleitete.

Zur ganzheitlichen Nachbehandlung ging sie in die Wohnungen der Familien und der Alleinstehenden, um sie in der Unsicherheit der Zeit nach einer schweren Krankheit oder im Verlauf eines chronischen Leidens nicht allein zu lassen. Damit ein lebensrettendes Medikament auf schnellstem Weg zu einem Kranken gelangte, jagte die übergewichtige Sr. Restituta einmal keuchend mit wehendem weißem Krankenschwesternhabit durch die Straßen von Mödling. Die damalige Vorschrift, nur im feierlichen schwarzen Habit „auszugehen“, musste dem Gebot der größeren Liebe weichen, mochten ruhig einige „Vollkommene“ darüber die Nase rümpfen!

Dieses wörtliche Den-Menschen-Nachgehen, nicht „von Amts wegen“, sondern aus Eigeninitiative, öffnete ihr die Herzen Gläubiger wie Nichtgläubiger.

 

Für unteilbare Menschenwürde und Heil im Kreuz

Im Widerstand gegen die Nazis sorgte die sel. Restituta dafür, die schikanösen Erlässe zur Behinderung und Verhinderung der Seelsorge im Krankenhaus zu umgehen. Nur wenn es nachweislich vom Patienten selbst verlangt, durch das Personal gemeldet und vom zuständigen Arzt für unbedenklich erklärt wurde, durften seelsorgliche Dienste ausgeübt werden etc. Was der NS–Krankenhausbesatzung natürlich Tür und Tor zur Willkür öffnete. Restituta suchte und fand Mittel und Wege, diese Einmischungen und Übergriffe nicht zuzulassen - was eines der Motive war, sie auf die „Abschussliste“ zu setzen.

Sie konnte und wollte unmöglich darauf verzichten, das Kruzifix als Zeichen des Heils und der Erlösung von Leid und Tod in allen Krankenzimmern aufzuhängen, damit verzweifelte Patienten im Blick auf den wie sie in Schmerz und Todesleiden festgenagelten Gekreuzigten auch die Hoffnung wieder wagen, dass dieser Gott, der unsere Existenz bis ins Letzte geteilt hat, uns in jedem Fall – wenn auch auf seine, manchmal für uns unbegreifliche Weise - rettet. Restitutas durch absolut nichts zu erschütternder Glaube an die Auferstehung gab ihr selbst und - oft durch sie - ihren Patienten Kraft zum Durchhalten. Aus diesem Glauben heraus riskierte sie den öffentlichen Eklat, als die Nazis die von Restituta verbotenerweise aufgehängten Kreuze entdeckten und vergeblich von ihr deren Entfernung verlangten.

 

Gegen selektierende Menschenverachtung und Unheil im Hakenkreuz

Restituta blieb auch unter der NS-Gewaltherrschaft solidarisch als Mensch, Krankenschwester und Franziskanerin, deren Ordenskonstitutionen seit Gründung der Gemeinschaft (1857) forderten: „Bei dem Dienst der Kranken haben die Schwestern weder auf den Stand, das Alter noch das Religionsbekenntnis zu sehen, sondern alle mit gleicher Liebe und Sorgfalt zu behandeln“ (Formulierung aus den ersten gedruckten Konstitutionen von 1868).

Daher kam es für sie auch überhaupt nicht in Frage, dem vom NS-Regime verordneten Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit im Krankenhaus Folge zu leisten:

Arisches Blut sollte nicht an „Untermenschen minderwertiger Rassen“ und Fremdarbeiter „verschwendet“ werden, Operationen sollten nicht nach medizinischer Dringlichkeit, sondern nach politischer Willkür gereiht werden – mochten die „Volksschädlinge“ ruhig dabei „verrecken“! Auch hier wirkte unsere Mitschwester als christlich-„subversive“ „Sr. Resoluta“, die ihr Leben hingab für die Brüder und Schwestern.

 

Krankenhaus als Gotteshaus

In der Krankheit denken viele Menschen mehr über ihre innere Wirklichkeit nach, über den Sinn ihres Lebens, ihre guten und schlechten Lebenserfahrungen, ihre gelungenen zwischenmenschlichen Beziehungen und Beziehungskrisen, Erfolge und Niederlagen, und immer wieder taucht dabei auch die Frage nach Gott auf.

Das Krankenhaus ist ein riesiges Gotteshaus, d.h. eine besonders günstige Stätte der Gottesbegegnung. In kein anderes Gotteshaus gehen so viele Menschen zumindest irgendwann einmal hinein (wenn auch meist unfreiwillig), für gewöhnlich bleiben sie auch länger in diesem Haus als in der Kirche – und darum haben vielleicht in keinem anderen Gotteshaus engagierte Christen wie die selige Restituta die Chance, so vielen Menschen nachzugehen für „Herzoperationen“ der spirituellen Art!