Von Franziskus und Klara bewegt

Die geradlinige und praktisch veranlagte, echt fromme, aber nicht frömmelnde Helene Kafka wollte den Beruf der Krankenschwester innerhalb einer Ordensgemeinschaft leben, deren Spiritualität und Lebensform ihrem Wesen entsprach: So fand sie zum hl. Franziskus von Assisi und seiner kongenialen weiblichen Ergänzung, der hl. Klara.

Die franziskanisch-klarianische Lebensform ist geradlinig auf das Wesentliche gerichtet: das Evangelium, die Frohbotschaft des dreieinigen Gottes, der die Liebe ist.

Daher bestehen gerade die Ordensregeln des hl. Franziskus überwiegend aus Worten der Hl. Schrift und nicht aus eigenen Worten. Diese Regeln erdrücken den suchenden Menschen nicht mit zuviel Theorie und pedantischen Vorschriften, sondern sie ermutigen ihn dazu, sich einfach vertrauensvoll in das Abenteuer der leidenschaftlichen täglichen Praxis der Nachfolge Christi zu stürzen – nach dem Motto: Soviel Regel wie nötig, soviel Freiheit wie möglich.

Die hl. Klara v. Assisi setzte in manchen Bereichen, so z.B. bei der Bedeutung der Geschwisterlichkeit im Gegensatz zu starren Gehorsamsstrukturen, noch deutlichere Akzente als der hl. Franziskus. In ihren Schriften legte sie bis hin zur Wortwahl Wert auf die Bewusstmachung des spezifisch Weiblichen. Klare Gestaltungskraft in geistlichen wie in praktischen Dingen des Lebens und zähes Ringen um Verwirklichung der als richtig erkannten Ziele sind Wesensmerkmale des hl. Franziskus und der hl. Klara, die auch die sel. Restituta charakterisieren.   

 

Dieselbe Substanz im modernen Kontext

Restituta steht unter sich ständig ändernden Rahmenbedingungen für die gleichbleibende Substanz der franziskanischen Lebensgrundsätze, z.B.

für eine radikalere, mehr aus den Wurzeln lebende, profiliertere Umsetzung des Evangeliums heute;

für das Sichtbarmachen des heilenden Christus;

für das lebendige Engagement als Glied der Kirche, konstruktiv statt destruktiv, loyal, aber nicht unkritisch;

für die unterschiedslos gleiche und unantastbare Würde und Freiheit jedes einzelnen Menschen, unabhängig von der nationalen, kulturellen, sozialen, politischen oder religiösen Herkunft;

für den Dienst am Leben und das Recht auf Leben in allen seinen Entwicklungsphasen; gleichzeitig aber auch 

für die Optimierung der Lebensbedingungen, in die ein Mensch hineingeboren wird und lebensfähig bleiben soll, und für die Optimierung der Lebensbedingungen, unter denen er dieses Leben in Würde und größtmöglicher persönlicher Freiheit zu Ende leben kann;

für eine „Option für die Armen“, die auf welche Weise auch immer in den Teufelskreis ungerechter Benachteiligung, Diskriminierung, Marginalisierung, Unterdrückung und Verfolgung geraten;  

 für das Teilen von materiellem ebenso wie geistig-geistlichem Besitz;

 für die Haltung der Demut, d.h. für den Mut, den Dienst an Gott und den Mitmenschen der materiellen oder geistigen Beherrschung anderer vorzuziehen;

für weitestgehenden gesellschaftlichen Konsens, damit das gegenseitige Lähmen der Kräfte minimiert wird zugunsten der Kräftekonzentration zur Förderung einer menschlicheren, gerechteren, sozialeren, solidarischeren, wertorientierteren, christlicheren Gesellschaft;

für mehr geschwisterlichen Umgang miteinander in Familie, Beruf, Gesellschaft, Politik, Kirche und kirchlichen Gemeinschaften;

für Versöhnung, d.h. das wieder in Gang Setzen des durch eigene oder fremde Schuld oder durch Missverständnisse gestörten Kreislaufs der Liebe;

für die Natur als Quelle der Gotteserkenntnis und des Gotteslobes;

für die Bewahrung der Schöpfung, deren Teil wir sind, und für den respektvollen Umgang mit allen Mitgeschöpfen.

 

Sr. Restituta - Franziskanerin von der christlichen Liebe

Diese Spiritualität und Lebensform lernte Helene Kafka im Oktober 1913 als Hilfskrankenschwester im kurz zuvor eröffneten Städtischen Krankenhaus Wien-Lainz kennen. Die Krankenpflege dort war nämlich der Ordensgemeinschaft anvertraut, in die Helene ein halbes Jahr später, am 25. April 1914, als Kandidatin eintrat: den Franziskanerinnen von der christlichen Liebe.