Begriffsklärung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Seligen und Heiligen 

Im Lauf der Kirchengeschichte wurden lange Zeit hindurch die Begriffe „selig“ (lat. beatus) und „heilig“ (lat. sanctus) austauschbar für ein und dieselbe Person gebraucht. Davon zeugen z.B. auch die liturgischen Texte bis heute. So heißt es etwa im Schuldbekenntnis: „Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen ...“ „Heilig“ bedeutet also nicht „mehr wert“ als „selig“. 

Jahrhunderte lang, bis ins 16. Jh., gab es auch nur die Heiligsprechung (lat. canonizatio). Die Seligsprechung (lat. beatificatio) als juristische „Vorstufe“ dazu entwickelte sich erst allmählich. Bis heute ist es jedoch kirchliche Praxis, dass vor der Heiligsprechung die Seligsprechung zu erfolgen hat. Die Verfahrensabschnitte sind in eigenen Rechtsnormen geregelt.

Seligen und Heiligen dürfen Kirchen und Kapellen geweiht, liturgische Gebete gewidmet und ihre Reliquien öffentlich verehrt werden. 

Der Unterschied zwischen Seligen und Heiligen besteht nicht in der Qualität, sondern sozusagen in der Quantität: Die öffentliche Verehrung von Seligen wird für ein bestimmtes Territorium (z.B. Diözese, Land, ggf. Wirkungsbereiche der Ordensgemeinschaft des Seligen) und in einer bestimmten Form genehmigt, die Verehrung von Heiligen für die Gesamtkirche und in jeder Form.

 

Was bedeutet Selig- und Heiligsprechung (nicht)?

Die formelle Selig- oder Heiligsprechung ist eine Kategorie der noch auf Erden pilgernden Kirche. Sie fügt der tatsächlichen Heiligkeit eines Menschen vor Gott nichts hinzu. Die Kirche „macht“ keine Seligen, sie „spricht“ selig, d.h. sie bestätigt nach einem objektiven wissenschaftlichen Verfahren das, was die Gnade Gottes in Menschen bewirkt hat, die sich ihm ganz geöffnet haben.

Die katholische Kirche spricht Menschen selig oder heilig, die die Nachfolge Christi

-          exemplarisch

-          in hervorragender Weise

-          zu einem konkreten historischen Zeitpunkt

-          in ihrem individuellen Leben

realisiert haben. 

Die Kirche greift also einzelne besonders markante Beispiele heraus, die aber zugleich in Vertretung für viele andere, nicht kirchenamtlich kanonisierte, verborgene und oft zu Unrecht vergessene heilige Menschen stehen.

 

Zeitlose Beispielhaftigkeit und geschichtliche Einmaligkeit

Insofern es dabei um das Wesen von Christsein und Nachfolge Christi geht, sind die Seligen und Heiligen zeitlos gültige Vorbilder. 

Nachfolge Christi vollzieht sich zugleich aber immer im Kontext konkreter, jeweils unterschiedlicher geschichtlicher Situationen und Rahmenbedingungen. Indem die Kirche im Lauf der Jahrhunderte bis heute immer wieder neue Selige und Heilige als Vorbilder vorstellt, bekennt sie sich also auch zu ihrer Geschichtlichkeit. Und solange wir in der Geschichte unterwegs sind, ist es daher auch ein Zeichen der Lebendigkeit der Kirche, wenn sie in jeder neuen Zeitepoche auch neue Selige und Heilige hervorbringt.

Geschichtlich einmalig sind jeweils auch individuelle Persönlichkeit, Charakter, Temperament und Originalität des einzelnen Heiligen, seine Stärken, Schwächen, Eigenheiten, ja mitunter auch „Flausen“.  

Die Kirche will ihre Glieder nicht „gleichschalten“ auf eine amtlich verordnete und immer gleich aussehende abstrakte Heiligkeit, sondern sie anerkennt gerade die individuelle, originelle, manchmal durchaus eigenwillige Realisierung der Heiligkeit in dem/der jeweils konkreten Heiligen. Wir verehren nicht die Heiligkeit, sondern die Heiligen.

 

Heiligenverehrung und Reliquien

Die Verehrung und Anrufung eines/r Heiligen bedeutet, ihn/sie und das, was er/sie für mein Leben an Orientierung und Unterstützung bereithält, kennen zu lernen und in der Praxis zu erproben.

Heilige und Selige werden dabei nicht angebetet – Anbetung kommt nur Gott allein zu.  Im Gebet bitten wir um ihre Fürsprache bei Gott nicht deswegen, weil wir uns nicht direkt an Gott richten oder ihn allein nicht finden könnten, vielmehr steht dahinter die kirchliche Überzeugung, dass die noch hier auf Erden lebenden und die schon in die Ewigkeit vorangegangenen Glieder der Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“ jenseits von Raum und Zeit miteinander verbunden sind.

Reliquien setzen uns den Seligen/Heiligen in seiner realen geschichtlichen Menschlichkeit gegenwärtig und verweisen gleichzeitig auf die Vollendung dieses Menschen in Gott, der in ihm und durch ihn hindurch bis heute wirkt. Gerade die Materialität der Reliquien (Partikeln von Körperteilen, Gewand oder Gegenständen, die mit dem Heiligen in Berührung gekommen sind) bezeugt den inkarnatorischen Aspekt unseres Glaubens. Wie in Christus selbst, so ist uns auch in den Heiligen das Heil nicht nur spirituell, sondern auch leiblich „begreifbar“ geworden.  

 

Warum nicht selbst heilig werden?

Gerade gute Heiligengeschichten –nicht die unnatürlich-krampfhaften, die jemanden rückwirkend von Kindesbeinen an zum strahlenden Übermenschen hochstilisieren- machen uns Mut, uns in Freiheit auch zu den zum Menschsein einfach dazugehörenden Fehlern zu bekennen.

Viele große „Heiligenkarrieren“ begannen entweder total banal und unspektakulär oder ziemlich „verrucht“, also weit entfernt von Gott: mit Gewalttaten, rabiatem Unglauben, Geldgier, mehr oder weniger wüsten Frauengeschichten und Eskapaden jeder Art. Andererseits finden wir in den Lebensgeschichten von Heiligen oft auch Missverstandensein, ungerechtfertigte Verfolgungen, Schande, Lächerlichkeit, Ohnmacht und ein „Versagerimage“. 

Die Botschaft der Heiligen ist eine Botschaft der Hoffnung für jeden von uns, ganz gleich, in welcher nur scheinbar aussichtslosen Lebenssituation wir gerade stecken. Wichtig ist nur, dass wir wie die Heiligen Gott erlauben, immer mehr das aus uns herauszuholen, was er in uns hineingelegt hat.

Heilige können uns „Wegweiser“ sein für unseren unverwechselbar eigenen Weg zu Gott. Wir sollen keine Kopien irgendeines/r Heiligen werden, sondern mit ihrer Hilfe unsere eigene Originalität und eigene Berufung besser entdecken und phantasievoller leben. Es ist die Verantwortung unseres freien Willens, ob wir selbst zu den „Global Players“ der Heilsgeschichte oder der Unheilsgeschichte der Menschheit gehören wollen.

Wer sich um persönliche Erneuerung und Heiligkeit bemüht, trägt auch zur Erneuerung und Heiligkeit der Kirche bei:

„In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige“ (Christifideles laici; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche 828)

                                                

Martyrium und Märtyrer

Das Martyrium gilt als Urform der Heiligkeit, da der Märtyrer als Blutzeuge des Glaubens und der Liebe in seiner Hingabe an den Willen Gottes bis hin zu einem gewaltsamen Tod Christus am gleichförmigsten wird. Die ersten kultisch verehrten Heiligen in der Geschichte der Kirche waren Märtyrer. Aus dieser Tradition heraus ist auch für die kirchenamtliche Anerkennung als Märtyrer vor der Seligsprechung kein approbiertes Wunder erforderlich.

Wenn Restituta z.B. aus Eifersucht verfolgt worden wäre, wenn sie versucht hätte, sich durch Kollaboration das Leben zu retten, wenn sie aus religiösem Fanatismus das irdische Leben verachtet, sich zum Tod hingedrängt und sich gleichsam in einen „begeisterten Selbstmord“ gestürzt hätte, oder wenn sie gegen diejenigen, die an ihrer Enthauptung schuld waren, Verbitterung und Rachegelüste empfunden hätte, so wären die Kriterien für die Annerkennung als Märtyrerin der Kirche nicht erfüllt gewesen, denn:

Ein Märtyrer ist ein Mensch, der aus Glaubenshass verfolgt wird, seinen Glauben verteidigt, bewusst aus Liebe zu Jesus Christus und seiner Kirche den - gewaltsamen- Tod annimmt und seinen Verfolgern vergibt. Durch beeidete Augenzeugenaussagen und Originaldokumente ließ sich zweifelsfrei beweisen, dass Sr. Restituta diese Kriterien erfüllt hat.

Märtyrer im kirchlich-katholischen Sinn ist nämlich erst jemand, der nach einem genau definierten kirchlichen Verfahren vom Papst als solcher selig gesprochen wurde. Folgt nach der Seligsprechung ein in einem eigenen Verfahren kirchenamtlich anerkanntes Wunder, so wird aus dem seligen ein heiliger Märtyrer. 

 

Restituta – erste Märtyrerin der Erzdiözese Wien! 

Mitten in Wien, im Landesgericht direkt an der Verkehrsader der täglich von Autos und U-Bahn vielbefahrenen „2er Linie“, wurde Restituta von den Schergen des nationalsozialistischen Terrorregimes mehr als ein Jahr gefangen gehalten und schließlich enthauptet. Nur wenige Meter trennten den Tod vom Leben, den Hinrichtungsraum vom Alltag „draußen“.

In der langen Geschichte der Erzdiözese und der Stadt Wien ist die selige Maria Restituta tatsächlich die erste Märtyrerin! Wie der Wiener Stadtpatron, der hl. Klemens Maria Hofbauer, war auch sie gebürtig aus Mähren, hatte aber in der Stadt und der Erzdiözese Wien ihren überzeugten und überzeugenden Lebensmittelpunkt gefunden.

Dr. Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien, in seinem Vorwort zur Dokumentation Schwester Maria Restituta Kafka – Märtyrin aus dem Widerstand, Innsbruck (Verlag KIRCHE) 1998:

„In der Seligsprechung dieser Ordensfrau erhält Wien

– nach Stephansdom und Rathausmann –

ein neues ‚Wahrzeichen’, und zwar lebendiger Art.“

 

Was ist mit Restitutas Leib geschehen?

In einem Schnellbrief des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (Sicherheitsdienstes) vom 4. Dezember 1942 wird schon Monate vor der Hinrichtung „hinsichtlich einer etwaigen Freigabe der Leiche der Kafka an deren Angehörige zur schlichten Bestattung“ ablehnend geurteilt aufgrund der Befürchtung, dass seitens der Ordensgemeinschaft „eine unerwünschte Propagandatätigkeit und Verherrlichung der zum Tode Verurteilten als Märtyrerin zu erwarten ist.“ 

Sr. Restituta wurde wie so viele ihrer Mitgefangenen auf dem Wiener Zentralfriedhof in der Schachtgräberanlage der Gruppe 40 verscharrt. Bei der zuletzt im Rahmen des Seligsprechungsverfahrens durchgeführten Exhumierung und amtlichen Untersuchung konnten die schon früher an der überlieferten Stelle der Gruppe 40 geborgenen Gebeine allerdings nicht als authentisch identifiziert werden. Ob Sr. Restitutas Leichnam dem Anatomischen Institut der Universität Wien zu Forschungszwecken gedient hat, ist noch nicht geklärt. 

Somit teilt die selige Restituta das Schicksal vieler Märtyrer des frühen Christentums, aber auch der Kriegswirren und Konzentrationslager des 20. Jhs., deren sterbliche Überreste nicht sichergestellt werden konnten. In Restituta-Reliquiaren befinden sich daher Stoffteilchen ihrer Ordenskleidung.

Andererseits sind uns fast alle Briefe der Seligen aus der Haft im Wiener Landesgericht handschriftlich erhalten. In diesen Briefen, in den Erinnerungen der Augenzeugen (Mitschwestern, Mitarbeiter, Bekannte, Patienten und Mitgefangene), in den immer wieder einlangenden Gebetserhörungen und bei allen Unternehmungen, bei denen Menschen sich von ihr begleitet fühlen, lernen wir das kennen, was an unserer seligen Märtyrerin Restituta unsterblich ist.  

 

Die Struktur eines Seligsprechungsverfahrens

Die Struktur eines Selig- und Heiligsprechungsverfahren ist durch präzise kirchenrechtliche Bestimmungen festgelegt. Durch deren grundlegendende Reform im Jahr 1983 wurde mehr Transparenz geschaffen, manches vereinfacht und auch den Diözesanbischöfen mehr eigene Kompetenzen übertragen. Welche Verfahrensform jeweils zu wählen ist, hängt u.a. davon ab, in welcher geschichtlichen Epoche der/die Kandidat/in gelebt hat, ob es noch Augenzeugen gibt und ob gegebenenfalls schon früher einmal ein Prozess begonnen wurde.

Ein Muster für die Struktur eines Seligsprechungsverfahrens finden Sie hier. 

 

Der Weg des Seligsprechungsverfahrens für Sr. Restituta

Für das Andenken und die Verehrung von Sr. Restituta lässt sich eine kontinuierliche Entwicklung nachweisen, die gleich nach Kriegsende begann und sich allmählich über den privaten Bereich hinaus immer mehr auch in der Öffentlichkeit manifestierte.

Je mehr Einzelheiten, Dokumente, Akten und v.a. Augenzeugen zu Sr. Restitutas Leben und Sterben bekannt und auch gezielt gesucht wurden, desto deutlicher wuchs bei den Verantwortlichen von Ordensgemeinschaft und Erzdiözese der Wunsch, ein formelles Seligsprechungsverfahren einzuleiten. Restitutas Verfahren dauerte  mit nur zehn Jahren vergleichsweise kurz.

Den Weg, d.h. die Vorgeschichte und den konkreten Ablauf des Seligsprechungsverfahrens für Sr. Restituta erfahren Sie hier.

 

Orte der Verehrung und des Gedenkens

Für eigene Erkundungstouren oder Wallfahrten können Sie sich eine Liste der Restituta-Gedenkstätten sowie die Beschreibung und Besucherinformation für die Restituta-Kapelle im Hartmannspital ansehen und ausdrucken

 

Die selige Restituta hilft weiter

Haben Sie schon einmal daran gedacht, Sr. Restituta nicht nur als exemplarischen Menschen hochzuschätzen und zu bewundern oder in ihr eine exemplarische Christin zu verehren, sondern sie auch in einem Anliegen als Fürbitterin vor Gott anzurufen? Hier sind wir in der Kategorie des persönlichen Glaubens.

Heute erreichen uns bereits aus aller Welt Zuschriften von Menschen, die überzeugt sind, dass die selige Restituta vor Gott wirksam für sie eingetreten ist. Trifft eine Gebetserhörung – vereinfacht ausgedrückt - auf eine nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft unerklärliche Weise zu, so spricht die Kirche von einem Wunder. Nach derzeitiger Rechtslage ist für die Heiligsprechung auch bei einer Märtyrerin ein kirchenamtlich anerkanntes Wunder erforderlich. Wenn Sie anderen und uns Gebetserhörungen mitteilen, so stärken Sie damit Brüder und Schwestern, die gemeinsam im Glauben unterwegs sind. – Vielleicht will Gott gerade Ihnen sogar die Gnade eines Wunders schenken?!  

Gebetserhörungen senden Sie bitte an:

Vizepostulatorin Sr. Dr. Edith Beinhauer, Hartmanngasse 7, A-1050 Wien

Fax: (+43 1) 54605-4020/E-Mail: office@restituta.net